Alexander Schoch MdL: “Stadtentwicklung muss sich zukünftig stärker am Flächensparen orientieren – zunehmende Bodenversiegelung ist eine Gefahr für Klima, Mensch und Tier“

Pressemitteilung Nr. 72/2020
Emmendingen, den 21.07.2020
Alexander Schoch MdL: “Stadtentwicklung muss sich zukünftig stärker am Flächensparen orientieren – zunehmende Bodenversiegelung ist eine Gefahr für Klima, Mensch und Tier“
Alexander Schoch nimmt in seiner aktuellen Pressemitteilung Bezug auf den Bericht in der Badischen Zeitung vom 24. Juni.
Die Fläche unseres Landes ist endlich. Auch in Baden-Württemberg ist der Flächenverbrauch hoch und täglich werden neue Flächen zerschnitten, Lebensräume für Tiere und Pflanzen zerstört und der regionalen Landwirtschaft buchstäblich der Boden entzogen. Durch die Umwandlung insbesondere von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen werden oftmals gedankenlos künftige Entwicklungschancen oder Entwicklungsnotwendigkeiten preisgegeben, für die diese Flächen benötigt werden. Man denke hier nur an Maßnahmen, die zur Anpassung an den Klimawandel und der Verbesserung der Biodiversität erforderlich sein könnten.
Wenn der Flächenverbrauch in Deutschland im derzeitigen Umfang kontinuierlich weitergeht, wird 2035 die Siedlungs- und Verkehrsfläche der Bundesrepublik bereits der Größe von sieben Bundesländern entsprechen! Rund 80 Prozent des Wachstums der Siedlungs- und Verkehrsfläche entfällt auf die Siedlungsnutzungen. Zusätzlich ist nach Berechnungen des Umweltbundesamtes knapp die Hälfte des Wachstums der Verkehrsflächen auf den Bau von Erschließungsstraßen für neue Siedlungsgebiete zurückzuführen. Damit verursacht das Wachstum der Siedlungsflächen direkt oder indirekt rund 90 Prozent der gesamten Flächeninanspruchnahme.
Um den Flächenverbrauch zu reduzieren sind insbesondere die Kommunen gefordert bei der Flächennutzungs- und Bauleitplanung ein besonderes Gewicht auf das Thema Flächenverbrauch zu legen.
Täglich werden in Deutschland rund 56 Hektar als Siedlungsflächen und Verkehrsflächen neu ausgewiesen. Dies entspricht einer Flächenneuinanspruchnahme – kurz Flächenverbrauch – von circa 79 Fußballfeldern.
Der Anteil im Landkreis Emmendingen an Straßen-, Wohn- und Industrieflächen betrug 2019 – 11,3%, damit hat sich der Anteil über einen Zeitraum vom Jahr 2000 bis 2018 von 6821 auf 7685 ha, also um 864 ha (ca. 1235 Fußballfelder ) erhöht und im Zeitraum von 2008 bis 2018 um 404 ha (ca. 578 Fußballfelder), was einen leichten Rückgang innerhalb dieses Zeitraumes bedeutet. Damit liegt der Landkreis unter dem Durchschnitt des Landes, wo bis 2018 der Flächenverbrauch pro Tag auf 4,5 Hektar zurückgegangen ist.
Das bedeutet ein Anteil von 240.358 ha, das sind aber immerhin noch 14,7% der Landesfläche Siedlungs- und Verkehrsfläche. 7% der Landesfläche ist versiegelt, also mit Gebäuden oder Anlagen bebaut oder für Fahrbahnen, Parkplätze und Gehwege asphaltiert, betoniert, gepflastert oder anderweitig befestigt. Auf diesen Böden kann kein Wasser versickern. Entsprechend hoch ist das Risiko von Überflutungen bei Starkregenereignissen. Versiegelte Flächen verlieren außerdem ihre Fähigkeit zur Regulierung des Mikroklimas und können im Sommer keinen Beitrag zur Milderung der Überhitzung in Städten leisten. Die Versiegelung von Böden zerstört ferner die natürliche Bodenfruchtbarkeit, die sich erst in langen Zeiträumen wieder herstellen lässt.
Alleine im Landkreis Emmendingen sind in den Jahren 2008 bis 2018 427 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verloren gegangen. Das entspricht einer Größe von 299 Fußballfeldern. Fruchtbare Böden sind jedoch für die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln dringend erforderlich.
Je weniger Fläche der Mensch verbraucht, desto besser – für Mensch, Tier und Pflanze. Daher ist es notwendig zum den Flächenverbrauch deutlich zu reduzieren. Zum anderen müssen bestehende Siedlungs- und Verkehrsflächen auch besser genutzt werden. Hierzu sind viele Maßnahmen denkbar. Zum Beispiel: Eine nachhaltige Siedlungsentwicklung, die dem Prinzip „Innen vor Außen“ folgt. Statt des Neubaus auf der „grünen Wiese“ versuchen Kommunen ihren Außenbereich zu schonen, indem sie auf verträgliche Art und Weise ihre Möglichkeiten zur Innenentwicklung (Brachflächen, Baulücken, Leerstände) ausschöpfen. Möglichst gleichzeitig kann dabei für ein verbessertes Stadtklima gesorgt werden. Es bietet sich eine Kreislaufwirtschaft für Flächen an, die Umwandlung und Recycling einschließt. Angesichts der klammen öffentlichen Kassen müssen Kosten-Nutzen-Analysen eine Selbstverständlichkeit werden, und zwar unter Berücksichtigung der absehbaren Bevölkerungsentwicklung.
Die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen ist ein Ziel von Bundes- und Landesregierung – ein anderes ist es, möglichst keinen weiteren Boden zu versiegeln. Ein Interessenskonflikt der aufgelöst werden muss!
In den vergangenen Jahren ist das Thema Flächensparen hinter die Diskussion um Bodens als Engpassfaktor für bezahlbaren Wohnraum zurückgetreten. Um vor dem Hintergrund des Wohnungsbedarfs den Flächenverbrauch zu begrenzen, muss die Stadtentwicklung den Fokus auf kompaktere Siedlungsformen legen und einen besonderen Blick auf den Vorrang der Innenentwicklung vor der Außenentwicklung legen. Auch die Beseitigung von Leerstand muss in den Gemeinden intensiv angegangen werden.
So gibt es beim ELR-Programm seit einigen Jahren den Schwerpunkt Innenentwicklung und Wohnraum. Im Jahre 2019 gab es im Landkreis Emmendingen Projektzuschläge in Höhe von rund 1,2 Mio. Euro für lebendige Ortskerne für Endingen, Freiamt, Herbolzheim, Kenzingen, Sasbach, Simonswald, Teningen und Winden im Bereich  Wohnen und Endingen, Freiamt, Riegel und Winden beim Förderschwerpunkt Arbeiten.

Beim Wirtschaftsministerium ist die Städtebauförderung angesiedelt. Mit der Städtebauförderung hilft das Land den Kommunen bei der Gestaltung von Quartieren und Ortskernen.
„Wir wollen, dass die Menschen sich in ihren Quartieren wohlfühlen, dass auch kleine Orte im ländlichen Raum attraktiv und lebenswert bleiben, daher unterstützt das Ministerium für Soziales und Integration die Quartiersentwicklung. Die Städtebauförderung stärkt ebenfalls die Ortskerne und wertet diese damit auf.“ Alleine im Jahr 2017 konnten  4.256.000 Euro in elf Projekte in den Landkreis fließen.
Und es gibt beim Wirtschaftsministerium auch noch das Förderprogramm Flächen gewinnen durch Innenentwicklung. Schwerpunkt des Förderjahres 2020 ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und der Einsatz kommunaler Flächenmanager für Wohnzwecke. Seit Bestehen des Förderprogramms „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“ wurden von 2009 bis Ende 2018 über 300 Projekte der Innenentwicklung mit einem Fördervolumen von insgesamt rund 7,3 Millionen Euro unterstützt. Das Förderprogramm wurde im Laufe des Bestehens immer wieder an aktuelle Erfordernisse angepasst und erweitert.
Aufgrund der Zahlen des statistischen Landesamtes von 2019 betrug der Jahreszuwachs an Siedlungs- und Verkehrsflächen in Baden-Württemberg 1643 Hektar. Das entspricht einer Größenordnung von 2365 Fußballfeldern (1 Fußballfeld entspricht 0,7 Hektar).
Ziel muss es sein, knappe Flächen nachhaltig – also umweltschonend, ökonomisch effizient und sozial gerecht mit Rücksicht auf künftige Generationen – zu nutzen. Um dies zu erreichen ist es aber auch klar, dass noch deutlich mehr passieren muss, um die „Netto Null“ beim Flächenverbrauch zu erreichen. Hier sind neue gesetzliche Regelungen und Anreize notwendig.

Hintergrund:
Ein Hektar entspricht 10.000 Quadratmetern- Das entspricht der Größe eines quadratischen Häuserblocks, den ein Spaziergänger in etwa fünf Minuten umschreiten kann und in dem – je nach Bauweise – 10 freistehende Einfamilienhäuser mit konventionellem Garten, 40 Einfamilien-Reihenhäuser in „kosten- und flächensparender“ Bauweise oder 250 Geschosswohnungen untergebracht werden könnten.

Tabelle-Flächenverbrauch



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