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Feuerrede 2019

Alexander Schoch hielt die Feuerrede bei der Sonnwendfeier auf dem Kandel:

„Liebe Mitglieder der Bergwacht, des Skiclubs, des Schwarzwaldvereins und der Naturfreunde,

Liebe Gäste der Sonnwendfeier,

es freut mich, dass wir wieder der schönen Tradition folgen, und die Sommersonnwende, den längsten Tag des Jahres, hier auf dem Kandel feiern.  Seit 1921 wird die Sonnwendfeier hier auf dem Kandel ununterbrochen gefeiert. Ins Leben gerufen vom Schwarzwaldverein und heute im Wechsel organisiert von Schwarzwaldverein, Skiclub und Naturfreunde.

Zum 100jährigen Jubiläum 2021 sollten wir dies gebührend mit einem gemeinsamen tollen Fest und guten Zukunftsideen feiern – und es wäre schön wenn sich schon früh hierzu eine Planungsgruppe finden würde. Wir grüßen die Sonne zum längsten Tag des Jahres am 21. Juni 2019, der gestern war. Der Sonnenuntergang wurde für Waldkirch um 21.32 Uhr angegeben, in Stuttgart um 21.29 Uhr, in München um 21.17 Uhr und in Hamburg um 21.52 Uhr!  Sie merken also, die Erde ist für uns hier in Waldkirch und auf dem Kandel rund und keine Scheibe. Und das schöne ist, dass 1 Tag nach der Sommersonnwende die Sonne auch heute erst um 21.32 Uhr untergeht.

Obwohl wir die Sonnwende mit einem tollen Feuer feiern, lässt sich die Sonne heute nicht so blicken, wie wir es von ihr an unseren Sonnwendfeiern gewohnt sind. Passend dazu müssen wir auch hinnehmen, dass die Tage jetzt wieder kürzer werden.

In vielen Kulturen gibt es zum Sommerbeginn Bräuche und Riten – bei uns z.B. die Sonnwende oder auch im Elsaß das Johannisfeuer, das meistens auf Bergen, wie bei uns auf dem Kandel, entzündet wird, und in Überlieferungen auch zur Mutprobe des Überspringens gereizt hat und bei denen eine Feuerrede gehalten wurde. Ich möchte Sie bitten, diesen Feuersprung heute nicht auszuprobieren.

Der Kandel ist ein sagenumwobener Berg, ein Berg der Kräfte, ein Berg der Mythen und Sagen. Ein Berg der Kräuter und vielleicht hilft das eine oder andere Kraut zur Heilung von großen und kleinen Wehwehchen oder vielleicht auch zur Erfüllung von Wünschen. Ja, die Sonnwendfeiern werden seit jeher bevorzugt an magischen Orten, wie hier auf dem Kandel, entfacht wodurch auch Sagen und Legenden und auch das eine und andere Gerücht beflügelt wurde.

Leider wurde diese schöne Tradition in der Zeit des Nationalsozialismus auch missbraucht und auch heute versuchen wieder rechte Gruppierungen dieses Ereignis für sich zu vereinnahmen und zu missbrauchen. Dem müssen wir entgegentreten. Es darf keine Abstumpfung beim Thema rechtsradikale Gewalt und Gedankengut geben!  Der Mord am Regierungspräsidenten Lübcke muss uns wachrütteln, selbstbewußt sich den Rechten entgegen zu stellen und unsere freiheitlich demokratische Grundordnung und unsere Werte zu verteidigen.

Bei uns hier auf dem Kandel ist die Sonnwendfeier heute inzwischen ein schönes Familienevent rund um den längsten Tag des Jahres geworden. Auf diesem herrlichen Fleckchen Erde, haben sich wieder viele naturverbundene Menschen zusammen gefunden, um diese Sommersonnwende zu begehen und die Natur zu genießen, inne zu halten und miteinander ins Gespräch zu kommen, über alles, Gott und die Welt, die Zukunft und was unser Zusammenleben ausmacht.

Ich denke z.B. auch an die vielen Jugendlichen der Fridays For Future Bewegung die gestern in Aachen an der größten internationalen Kundgebung teilgenommen haben. Die jungen Klimaaktivisten kämpfen für ihre Zukunft und fordern uns auf – mehr für den Klimaschutz zu tun. Sie erwarten von uns, von ihren Eltern und Großeltern und insbesondere von der Politik in einem flammenden Bekenntnis mehr Engagement für den Klimaschutz. Dazu gehört auch der Schutz des Kandels. In Waldkirch haben wir uns daher auf den Weg gemacht, mit großem bürgerschaftlichem Engagement ein Klimaschutzkonzept zu entwickeln.

Die Sonnwendfeier ist eine wunderbare Tradition und ich empfinde es als große Ehre, dass ich hier heute wieder für die Naturfreunde die Feuerrede halten darf, die sich in ihrer bald 125jährigen Tradition der Ausbeutung von Mensch und Natur entgegengestellt haben.

Die Stadt Waldkirch ist seit dem letzten Jahr Fairtrade Town und steht in der Verantwortung nachhaltiges Handeln beim kommunalen Handeln in den Vordergrund zu stellen, was auch bedeutet sich gegen unhaltbaren Zustände in Ländern zu wenden, die z.B. im Bereich der Textilindustrie Billigware unter menschenunwürdigen und gesundheitsschädlichen Rahmenbedingungen für hierzulande herstellen.

Jeder will den Klimawandel stoppen, aber wie soll das ohne Windräder gehen, jeder will sich gesund ernähren, aber trotzdem alles schnell und billig haben!  Es ist einer der vielen Widersprüche der heutigen Wohlstandsgesellschaft der wir uns stellen müssen.

Nehmen wir das diesjährige Himmelsereignis der Sonnenwende als „Übergang, als Abschied, als Transformation und als Neubeginn“ um Verantwortung zu übernehmen, das Leben zu gestalten, Lösungen zu finden für die Welt von morgen“. Früher verband man mit der Sonnwende einen Aufbruch und ich hoffe diese Wirkung kann auch die heutige Sonnwendfeier haben. Zu einer positive Wirkung gehört auch das Leben zu genießen. Es kann wunderschön sein an einem Abend wie diesen! 

Möge uns das Feuer Kraft geben – von dem schon Schiller in seinem Gedicht die Glocke sagt: „Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht.“ Also loslassen können, Sich-neu-erfinden gehört ebenso dazu wie das Erkennen des Zaubers, der jedem neuen Anfang innewohnt. Darum werfen Sie heute Abend etwas Altes symbolisch ins Feuer, damit etwas Neues Raum in ihrem Leben bekommt.

Deshalb sage ich euch das Feuer soll euch Mut und Kraft geben und beende meine Feuerrede mit einem dreifachen   ————-  Berg frei!“     

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