Saatgutvielfalt erhalten

Wie wirken sich Züchtungsstrukturen, genetische Vielfalt und Patente auf Ernährungssicherheit und Landwirtschaft aus?

Land, Bund und EU haben eine Verantwortlichkeit für das kulturelle Erbe der Züchtung und der Sortenvielfalt sowie für die Ernährungssicherung der Bürgerinnen und Bürger. Dazu bedarf es konsequenter Anstrengungen der Landesregierung zum Schutz der genetischen Vielfalt von Kulturpflanzen und Nutztierrassen. Die Patentierung von Saatgut birgt eine Gefahr für unsere Ernährungssicherung, schafft Abhängigkeiten und Monopole, insbesondere Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere müssen dringend überdacht werden. Der von der Landesregierung vereinbarte Ausbau des ökologischen Landbaus auf 30 Prozent bis zum Jahr 2030 stellt andere Anforderungen an die Pflanzen und Tiere als die konventionelle Landwirtschaft. Deswegen ist eine biologische Pflanzen- und Tierzüchtung ein wichtiges Fundament für den Ökolandbau. Laut Zahlen des Bund Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) aus dem Jahr 2014 gibt es um die 90 Züchter von pflanzlichem Saatgut auf Deutschlandebene. Für Baden-Württemberg sind keine Zahlen bekannt. Viele Saatguterzeuger sind weltweit agierende Konzerne. Aber auch kleine regionale Unternehmen sind am Markt.
Die Zuchtziele für den konventionellen und ökologischen Landbau unterscheiden sich. Da der ökologische Landbau auf chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel verzichtet, haben in der Züchtung für den Ökolandbau neben den Ertrags- und Qualitätszielen auch Aspekte wie Nährstoffaneignungsvermögen, hohe Wurzelleistung, zügige Jugendentwicklung und eine gute Unkrautunterdrückung sowie möglichst umfassende Krankheitsresistenz einen hohen Stellenwert.
In der Ökozüchtung gibt es schon seit Jahren eine Reihe von regionalen Züchtungsinitiativen und einige kleinere Züchtungsbetriebe, die wirtschaftlich häufig auch auf Zuwendungen in Form von Stiftungs- oder Spendengeldern angewiesen sind. Als Ergebnis dieser langjährigen Arbeit sind inzwischen einige Dutzend Sorten aus ökologischer Züchtung auf dem Markt, vor allem bei Getreide und Gemüse. Auch Sorten aus konventioneller Züchtung werden mit Erfolg im ökologischen Landbau angebaut, wenn sie unter den Bedingungen des ökologischen Landbaus gute und stabile Erträge bringen. Bei den Züchtungsmethoden beschränkt sich der ökologische Landbau auf die traditionellen Verfahren der Kreuzung und der Mutagenese (Mutation). Forschungsprojekte für Obst und Wein gibt es in Baden-Württemberg eine ganze Reihe. An der Uni Hohenheim ist die Landessaatzuchtanstalt seit Jahren tätig. Aber auch von der EU- geförderte Forschungsprogramme sind zu finden. Wichtige Züchtungsziele sind die Resistenzzüchtung gegen Krankheiten, Schädlingen, Trockenheit und Nährstoffmangel sowie die Qualitäts- und Inhaltsstoffzüchtung.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts setzte die Landwirtschaft vor allem auf hohe Erträge, kombiniert mit neu entwickelten Maßnahmen in der Pflanzenproduktion. Die Vielfalt der Kulturarten und Sorten hat sich zugunsten von Fruchtfolgen mit wenigen Kulturen und mit einem deutlich begrenzteren Sortiment an Sorten entwickelt. Auf dem Genpool, zu dem alte Kulturarten und Sorten im Pflanzenbau, der Tierzucht und auch bei Wildpflanzen beitragen, greift auch die moderne Pflanzenzüchtung zurück, um beispielsweise Resistenzen gegen Krankheiten und Schädlinge in neuen Sorten zu verankern. Eine wichtige Rolle für den Sortenerhalt spielen die Genbanken. In Baden-Württemberg gibt es Initiativen und Einrichtungen, wie beispielsweise das Projekt Genbänkle, die gemeinnützige ProSpecieRara GmbH, das Kompetenzzentrum Obstbau in Bavendorf, sowie das Landwirtschaftliche Technologiezentrum in Augustenberg.
Eine rasch waschsende Weltbevölkerung und der zunehmende Klimawandel stellen die größte Herausforderung für die Ernährungssicherheit und die Sortenstruktur dar. Klimatische Auswirkungen auf die globale Landwirtschaft werden regional sehr unterschiedlich erwartet. Während die Getreideproduktion in den Industrieländern voraussichtlich sogar leichtzunehmen könnte, wird sie in den Entwicklungsländern deutlich abnehmen. Besonders stark betroffen werden nach Einschätzung der Bundeszentrale für politische Bildung Südasien und Subsahara-Afrika sein. Es ist damit zu rechnen, dass der Getreidepreis in den kommenden 30 Jahren wegen der Klimaveränderungen erheblich steigt, selbst bei vermehrter Investition in Produktivitätssteigerung. Darüber hinaus wird die Produktion von Nahrungsmitteln voraussichtlich zumindest regional wegen häufigerer Extremwetterlagen unberechenbarer und instabiler werden. Ein wichtiges Element der Stabilität ist ein verbessertes Risiko-Management. Dem dienen Frühwarnsysteme mit Informationen über Klima- und Wetteränderungen, akute Produktionseinbußen und Markt- und Preisänderungen. Auch Agrarhandel ist ein ganz wesentliches Mittel zur Stabilisierung der Verfügbarkeit von Gütern. Die Lagerung von Nahrungsmitteln ist eine weitere wesentliche Maßnahme, um Knappheit auszugleichen und die Preise zu stabilisieren. Saatgutunternehmen, die ausschließlich ökologische Pflanzenzüchtung betreiben, lehnen die Patentierung von Sorten ab. Neben Kostengründen und dem aufwändigen Antragsverfahren wird durch die Zunahme von patentierten Sorten im Anbau erwartet, dass die biologische Vielfalt auf dem Feld reduziert wird. Das gilt insbesondere, wenn nicht sichergestellt ist, dass patentierte Sorten für die Züchtung neuer Sorten zur Verfügung stehen oder wegen immens hoher Lizenzgebühren. Es besteht allerdings die Gefahr, dass ausschließlich Konzernen aus der Agrochemie und der Biotechnologie Patente anmelden und die Saatgut-und Nahrungsmittelerzeugung so zunehmend deren Hände fallen. Für transgene Pflanzen, also solchen, die durch einen technischen Eingriff in das Genom einer Pflanze, der nicht das Ergebnis von natürlichen Verfahren (reine Kreuzung) ist, gewonnen wurden, werden vermehrt Patentanmeldungen registriert. Aus Sicht des Landtagsabgeordneten sei es äußerst wichtig, das Züchterprivileg über den Sortenschutz zu erhalten und die Sortenvielfalt, vor allem auf lokaler Ebene, zu stärken und endemische Tierrassen und Pflanzensorten entsprechend zu schützen. Das Patentieren von Saatgut lehnt der Abgeordnete vehement ab, genauso wie die genetische Veränderung von Saatgut. „Vielfalt ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für weitere Züchtungen, eine umweltfreundliche Landwirtschaft und die Anpassungsfähigkeit der Nahrungsmittelproduktion an sich ändernde Umweltbedingungen wie den Klimawandel. Dabei muss Politik die lokalen Akteure stärker unterstützen. Denn sie kennen die Begebenheiten und Strukturen vor Ort am besten.“

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