Kranzniederlegung

Alexander Schoch – Rede zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 09. November 1938

Am Freitag, den 09. November 2018 hat Alexander Schoch die Rede zur Gedenkfeier anlässlich der Reichspogromnacht vom 09. November 1938 auf dem Emmendinger Schlossplatz gehalten.

Hier die Rede im Wortlaut: 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeisterstellvertreter Thomas Fechner,
Sehr geehrte Frau Maryanovska, 
sehr geehrte Frau Grasse,
sehr geehrter Herr Maor Schatz,

sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung, an der heutigen Gedenkfeier teilzunehmen und zu diesem Anlass zu sprechen zu dürfen. Beides habe ich gerne angenommen. Die Jüdische Gemeinde ist heute aus Emmendingen nicht mehr weg zu denken. Ihr vorbildlicher Einsatz im sozialen Bereich, ihr kultur- und bildungspolitisches Engagement, ihren wichtigen Beitrag zum interreligiösen Dialog in Emmendingen oder das Engagement in der Gedenkstättenarbeit durch den Verein für jüdische Geschichte und Kultur Emmendingen e.V. sind unverzichtbar geworden. Dafür danke ich Ihnen allen ganz herzlich. Der 9. November ist der sogenannte deutsche Schicksalstag, dem Ausrufen der ersten deutschen Republik durch Scheidemann, der Reichspogromnacht und dem Fall der deutschen Mauer!
Wir sind heute an diesem Ort hier zusammengekommen, um zu gedenken aber auch zu mahnen!
In den Tagen um den 09. November 1938, also heute vor 80 Jahren, machte sich das deutsche Volk schuldig an ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern.
Ein Teil des Volkes warf Steine auf jüdische Geschäfte, demolierte Häuser und Wohnungen.
Diese Schergen der Nationalsozialisten haben Menschen misshandelt, umgebracht, in Konzentrationslager verschleppt oder in den Selbstmord getrieben.
Sie haben 1406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt oder vollständig zerstört. So auch die Synagoge am Schlossplatz, an deren ehemaligem Ort wir heute stehen, die am 10. November 1938 verwüstet und gesprengt wurde. Was zuvor meist noch hinter vorgehaltener Hand gesagt oder im Dunkeln getan worden war, fand nun vor aller Augen statt. Die Tage um den 09. November 1938 waren der Auftakt für die systematische „Arisierung“, ein Vorzeichen für die Vernichtung der europäischen Juden.
Die Schuld des anderen Teils der deutschen Bevölkerung ist eine andere. Sie definiert sich nicht durch Taten, sondern durch Untätigkeit.
Während jüdisches Eigentum zerstört und gestohlen wurde, ihre jüdischen Mitbürger misshandelt, vertrieben und ermordet wurden, ist die Mehrheit der Deutschen in ihren Betten geblieben, hat zugesehen, hingenommen, geschwiegen.
Wer nach den Tagen um den 09. November „von nichts wusste“, musste die Augen wirklich fest zugekniffen haben, um sie vor der Realität der Jüdinnen und Juden und jener der anderen verfolgten Minderheiten in Deutschland verschließen zu können.
Aus heutiger Sicht müssen wir uns fragen: wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn diese schweigende Mehrheit nicht stumm geblieben wäre, den Begriff und die Definition des deutschen Volkes für sich beansprucht und vor der Vereinnahmung von Rechtsaußen verteidigt hätte.

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Nie wieder“ wurde nach 1945 von vielen gerufen. Geschichte wiederholt sich nicht, dazu ist sie zu komplex. Jedoch lassen sich bestimmte Parallelen durchaus aufzeigen.

So sehen wir heute wieder Menschen auf der Straße, die sich als „das Volk“ bezeichnen. Die sich abgehängt, ungesehen und benachteiligt fühlen. Diese Gefühle wurden damals und werden heute von Propaganda unterfüttert und bestätigt und gesteigert, bis hin zu blindem Hass. Schuld an dieser Situation der Benachteiligung sind, so die Propaganda, die sogenannten Altparteien, die sogenannte „Lügenpresse“ und insbesondere natürlich jeweils die Menschen, die einer Minderheit angehören, die der Mehrheit fremd ist oder scheint. Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Art zu leben oder ihres Glaubens verdächtigt werden, Verbrecher, Betrüger oder Terroristen zu sein. Taten einzelner Personen werden den Gruppen, zu denen sie gehören, zugeordnet und in der Folge die ganze Gruppe kriminalisiert. Gerade auch die „Judenfeindschaft“ hat erschreckenderweise wieder Einkehr in Medien gehalten und ist nach einer Studie von Monika Schwarz-Friesel von der Technische Universität Berlin  „integraler Teil“ der Webkommunikation geworden. In den sozialen Medien, aber zunehmend auch in aller Öffentlichkeit ist eine Verrohung der Sitten spürbar, die dadurch deutlich wird, wenn Verleumdungen und Bedrohungen übelster Art verschickt und geäußert werden.

Für mich gibt es seit Anfang Oktober dieses Jahres irritierenderweise  eine weitere Parallele: am 07.10. 2018 gründete sich in Wiesbaden der Verein der Juden in der AfD. Diese Gruppe erinnert stark an den 1921 vom Berliner Rechtsanwalt, Politiker und Publizisten Max Naumann gegründeten Verband nationaldeutscher Juden. Naumann und sein Verein betonten die Unterschiede zwischen deutschen und sog. Fremdjuden und sahen sich besonders in Opposition zu den orthodoxen Juden aus dem Osten. Der Glaube, ähnliche Ansichten zu bestimmten Themen würden den für den Nationalsozialismus fundamentalen Rassenwahn und Antisemitismus überwinden können, ist aus heutiger Sicht naiv bis tragisch. Ähnlich empfinde ich die Juden in der AfD. Deren Gründung scheint besonders von der Angst vor dem Islam und muslimischem Judenhass motiviert zu sein. Die AfD kritisiert Antisemitismus aber nur dann so scharf, wenn es um muslimische Einwanderer geht. Offene Antisemiten in den eigenen Reihen, wie der Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon u. a., werden geduldet.
Sein Ausschlussverfahren hat noch immer nicht stattgefunden, was sich wahrscheinlich daran festmachen lässt, dass er sehr wohl seine Anhänger in der Landtagsfraktion hat.Hier wurde und wird heute ebenfalls übersehen, dass ein gemeinsames Feindbild noch kein gemeinsames Ziel bedeutet. Hass und Ausgrenzung gegenüber anderen gesellschaftlichen Minderheiten werden Hass und Ausgrenzung gegenüber Juden in Deutschland nicht beenden, verhindern oder auch nur reduzieren.

Sehr geehrte Damen und Herren,

um Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus entgegen zu wirken sind alle demokratischen Kräfte gefordert eine Politik in den Vordergrund zu stellen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt, die demokratischen Grundwerte schützt und die Werte der freiheitlich demokratischen Grundordnung lebt. Hierzu gehört auch die Gedenkstättenarbeit.

Daher ist es nur konsequent, dass wir heute den Opfern der Reichspogromnacht vor 80 Jahren gedenken. Wir sind es ihnen und allen anderen Opfern des Nationalsozialismus schuldig, dafür einzutreten, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Ich bin froh, dass die bisher so oft schweigende Mehrheit in letzter Zeit immer öfter laut zu hören ist, und für Toleranz, Menschlichkeit, Nächstenliebe und Respekt für alle Menschen eintritt. Lassen sie uns gemeinsam dafür einstehen, dass es keine schweigende Mehrheit in Deutschland mehr gibt, die zuschaut, wenn anderen Unrecht geschieht.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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