v.l.n.r: Reiner Geis, Geschäftsführer von ver.di Südbaden, Alexander Schoch MdL, Bernd Fey, Geschäftsführer des Regionalverbundes kirchlicher Krankenhäuser

Dialogveranstaltung zum Thema „Zukunft der Arbeit in der Gesundheitswirtschaft“

Vergangenen Freitag lud der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Grünen Landtagsfraktion, Alexander Schoch, im Vorfeld des 1. Mai zu der Reihe Dialogveranstaltungen zum Thema „Zukunft der Arbeit in der Gesundheitswirtschaft“ in das Anwesen Leonhardt in Emmendingen ein. Seine Dialogpartner waren Reiner Geis, Geschäftsführer von ver.di Südbaden, und Bernd Fey, Geschäftsführer des Regionalverbundes kirchlicher Krankenhäuser (St. Josefskrankenhaus, Loretto-Krankenhaus, Bruder-Klaus-Krankenhaus und Hospiz Karl-Josef).

Die drei Gesprächspartner waren sich einig, dass das Gesundheitssystem in Deutschland eines der Besten der Welt sei. Besser gestellte Menschen, könnten sich zwar noch zusätzliche Rosinen (vor allem im Servicebereich) rauspicken, aber im Grundsatz werde in der Versorgung nicht in Arm und Reich unterschieden. Damit dieser Standard bleibt, verbessert und nachhaltig in die Zukunft wirkt, brauche es viel Anstrengung und eine Systemdebatte.

Bernd Fey erläuterte, dass die Gesundheitsausgaben in Deutschland einen Anteil von 11 % am Bruttoinlandsproduktes haben. Hier komme eine gewaltige Geldsumme zusammen, aber die Verteilung ist nach Einschätzung des erfahrenen Klinikmanagers falsch, weil beim Patienten weniger ankommt als es sein könnte und notwendig wäre. Belegt wird diese Feststellung durch die angespannten finanziellen Situationen der Krankenhäuser: 50 % der Krankenhäuser schreiben rote Zahlen. Bernd Fey gibt zu bedenken, dass die Bürokratie eine hohe Summe der Einnahmen schluckt Er wünscht sich deshalb eine Verschlankung der Dokumentationspflicht und Rahmenbedingungen, die es Ärzten und Pflegefachkräften erlauben wieder mehr Zeit dem Patienten zu widmen und nicht am Schreibtisch gebunden zu sein.

Herr Geis fügt hinzu, dass er den Wettbewerb von Krankenhäuser nicht für gut heiße und hier viel Geld „verpulvert“ werde. „Wir keinen Verdrängungswettbewerb der Krankenhäuser auf Kosten der Patienten und Beschäftigten. Es gebe ja auch keinen Wettbewerb zwischen Polizeistationen oder Finanzämter“, fügt der ver.di Geschäftsführer hinzu. Bei den Krankenhäusern gehe es um die Sicherstellung einer Daseinsvorsorge.

Die Politik muss über den Krankenhausbedarf entscheiden und nicht die Krankenkassen. Eine gemeinsame öffentlich rechtliche Krankenkasse könnte, laut Reiner Geis den unsinnigen Wettbewerb auch zwischen den Krankenkassen beenden. Für Alexander Schoch steht noch immer die Bürgerversicherung im Raum, die seiner Auffassung nach die solidarischste Lösung wäre und auch zu einer Entbürokratisierung beitragen würde.

Zuhörer äußern sich, dass sie als Mitarbeiter im Gesundheitswesen stets seitens der Kassen unter Generalverdacht stehen und ihre Arbeit nicht anerkannt werde. Auf der anderen Seite werde das System durch die Solidarität und dem sich immer breit machenden schlechten Gewissen der Arbeitnehmer gegenüber den Patienten in den Kliniken getragen. „Man springt immer mal wieder so gut wie unbezahlt für den Kollegen ein,“ hieß es. Nach einer Befragung sind 95 % der Beschäftigten in den Pflegeberufen zufrieden und haben den Eindruck einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, aber nur 21 % sind der Meinung, dass ihre Leistung angemessen honoriert wird. 87% der in der Pflege Beschäftigten müssen seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten, stellten die Diskussionsteilnehmer fest. Die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen wächst und trägt nicht zur Attraktivität dieses Berufes bei.

Angesichts des demografischen Wandels und der Zunahme der Diagnose-Komplexität steht das Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen in struktureller Hinsicht, aber auch bezüglich der Gewinnung von Fachkräften, so Alexander Schoch. Reiner Geis sieht, aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit, die Möglichkeit auch im Elsass für den Pflegeberuf zu werben. Mit einem länderübergreifendenden dualen Schulsystem und der Niedrighaltung der Bürokratie könnte man vielen Elsässern hier eine Perspektive geben. Geschäftsführer Bernd Fey gibt zu bedenken, dass Deutschland längerfristig in der Lage sein müsse den Fachkräftemangel selber zu lösen. Durch das Abwerben von guten Personal würden auch in anderen Ländern Lücken in die Gesundheitsversorgung gerissen. Wenn man über ausländische Fachkräfte spricht, sei natürlich gerade im Bereich des Gesundheitswesen die Sprache das„ A und O“. Bei sprachlichen Diskrepanzen bestehe die Gefahr, dass Missverständnisse und Fehlentscheidung zum Nachteil der Gesundheit getroffen werden.

Die Diskussionsteilnehmer stellten gemeinsam fest, dass sich immer weniger Menschen für einen Pflegeberuf entscheiden, was auch dem Wegfall der Wehrpflicht und des Zivildienstes geschuldet sei. Der gelernte Krankenpfleger Bernd Fey verdeutlichte, dass sehr viele heutige Sanitäter über den Zivildienst zu dem Beruf gekommen ist. Reiner Geis und Alexander Schoch plädierten dafür zu prüfen, ob es nicht sinnvoll wäre einen sogenannten „allgemein verpflichtenden Bürgerdienst“ einzuführen. Junge Menschen hätten Zeit sich beruflich zu orientieren und Krankenhäuser wären personell verstärkt und finanziell etwas weniger belastet.

Diese Dialogveranstaltung war die Auftaktveranstaltung aus der Dialogreihe mit dem Grünen Landtagsabgeordneten Alexander Schoch. Mit dieser Reihe möchte Schoch aktuelle Themen aufgreifen und mit Bürgern und Fachvertretern öffentlich in lockerer Atmosphäre ins Gespräch kommen.

v.l.n.r: Reiner Geis, Geschäftsführer von ver.di Südbaden, Alexander Schoch MdL, Bernd Fey, Geschäftsführer des Regionalverbundes kirchlicher Krankenhäuser

v.l.n.r: Reiner Geis, Geschäftsführer von ver.di Südbaden, Alexander Schoch MdL, Bernd Fey, Geschäftsführer des Regionalverbundes kirchlicher Krankenhäuser

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